Das Prinzip Hoffnung

Einer der bedeutendsten deutschen Philosophen. Bloch trat in den 20er Jahren durch eigenwillige "utopische" Entwürfe einer sozialistischen Zukunft hervor. Er war Privatgelehrter in Berlin, Heidelberg, Bern, München.

Er lebte 1930-1933 im sog. "Roten Block" am damaligen Laubenheimer Platz, Kreuznacher Straße 52, heute erinnert dort eine Gedenktafel an ihn.

1933 Emigration nach Wien, Paris, Prag; 1938 bis 1948 in den USA; dann Rückkehr nach Deutschland 1948 Professur in Leipzig, schrieb 1954-59 sein Hauptwerk »Das Prinzip Hoffnung«; wurde 1957 zwangsemeritiert, da er mit der Staatsdoktrin der DDR nicht übereinstimmte; siedelte 1961 in die Bundesrepublik über, wurde Gastprofessor in Tübingen; erhielt 1967 den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels".

Es gibt kaum Fotos von Bloch aus jener Zeit, da Frau Karola Bloch bei der Flucht aus Leipzig 1961 alles zurücklassen mußte. Das Foto links entstand 1963 auf dem Pariser Schriftstellerkongreß.

 

Die Ausstellung "Die Künstlerkolonie" 1989 der Kommunalen Galerie Berlin zeigte in der Büchervitrine Ernst Bloch:

  • 1930 erschien im Berliner Cassirer-Verlag sein Buch »Spuren« mit kurzen Texten, die in ein philosophisches "Merke!", einen zum Nachdenken anregenden Schluß münden - heute in vielen Schullesebüchern wieder abgedruckt.
  • Während der Zeit um 1930 schrieb Bloch zahlreiche antinazistische Zeitungs- und Zeitschriftenartikel (einer der Gründe seiner Flucht aus Hitlerdeutschland im März 1933), die im Schweizer Exil 1935 zum Buch »Erbschaft dieser Zeit« zusammengefaßt wurden.
  • Ein Beispiel aus der »Weltbühne« (S. 615 ff.): »Verband sächsischer Germanen«. »Das Tagebuch« (Original aus dem Bloch-Archiv Ludwigshafen) vom 13. September 1930, 11. Jahrgang, Heft 37 (S. 1468 ff.): »Die glückliche Hand«.

 

Aus dem KünstlerkolonieKurier Nr. 3 (1990/91):

Ernst Bloch: Suche nach uns selber im Noch-Nicht
von Dr. Karl-Heinz Weigand
Text mit freundlicher Genehmigung durch den Autor und das Bloch-Archiv

1928 schrieb Bloch in der Berliner Zeitschrift "Weltbühne" den Aufsatz "Ludwigshafen - Mannheim", in dem er den großen Gegensatz, von dem er bis in seine Philosophie hinein geprägt wurde, auf die Formel bringt: "Hier die größte Fabrik, dort das größte Schloß Deutschlands. Selten hat man die Wirklichkeiten und die Ideale des Industriezeitalters so nahe beisammen ...". Er sieht hier symbolhaft das Janusgesicht des 20. Jahrhunderts mit seiner Maschinenwelt und ihren oft menschenverachtenden Zügen, überzuckert von einer nicht mehr in den Alltag hinüberwirkenden "Feiertags-Kultur", in der aber ein Erbe steckt, das gerettet zu werden verdient.
Als Ernst Bloch am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen geboren wurde, steckte die junge Arbeiterstadt im stürmischen Wachstum, von einigen Tausend Einwohnern bei der Stadtgründung verzehnfacht bis zur Jahrhundertwende. Bei diesem amerikanischen Tempo der Entwicklung gab in es diesem - wie Bloch es nannte - "Wildwest am Rhein" "nichts vom sogenannten geistigen Leben". Der Gymnasiast fand es drüben, in Mannheims Schloßbibliothek und Nationaltheater; der Student fand es in München, der Philosoph und Schriftsteller im Berlin der Zwanziger Jahre.
So schreibt er in sein Tagebuch 1921: "... ich glaube doch, Berlin, das kräftige, utopische, ist noch am meisten meine Stadt." Dort trifft er Gleichgesinnte: Walter Benjamin, Bert Brecht, Otto Klemperer, Siegfried Kracauer und andere. Mit Karola Piotrkowska, seiner späteren Frau, wohnt Bloch dann 1930 - 1933 im sogenannten "Roten Block" am damaligen Laubenheimer Platz, Kreuznacher Straße 52. Karola Bloch erzählt darüber in ihren Erinnerungen "Aus meinem Leben":
"Die Wohnungen waren billig und nicht unkomfortabel. Mehrere Freunde waren im selben Hause Nachbarn. So Peter Huchel und Gustav Regler. (...) Der "Rote Block" bildete eine erfreuliche Gemeinschaft, in der Parteilose, Kommunisten und Sozialdemokraten versammelt waren. Bei uns wehten nur die Fahnen Schwarz-Rot-Gold und Rot. (...) Wann immer die Zeit es zuließ, ging ich zu Huchels. Ernst kam manchmal mit, er schätzte die Bohème-Atmosphäre. (...) Abends kochte ich für Ernst und mich, er erzählte von seiner Arbeit an "Erbschaft dieser Zeit" oder las einen Artikel vor, den er für die "Weltbühne" oder "Das Tagebuch" geschrieben hatte."
Einer dieser damals entstandenen Artikel, am 7.7.1932 in der "Frankfurter Zeitung" erschienen, zeigt deutlich, was Bloch von Berlin dachte: "Aber freilich ist gerade dies Berlin - trotz des &quit;unsolidesten" Kapitalismus darin - , grade dies Berlin ist im Witz seiner Leere und im Ernst seiner Beweglichkeit eine der wahrsten von allen Städten, die dazu verflucht und erwählt sind, in dieser Zeit zu liegen... in der Wendigkeit dieser Stadt ist der Ort des geringsten deutschen Widerstands gegen eine Organisation, die nicht mehr nur Klasseninteressen organisiert. Berlin liegt ungedeckt in der experimentellen Zeit, nicht täuschend warm in den Bergen und Kulturländern des gewordenen Raums. Ohne im geringsten über sich täuschen zu können, ist es ein Haupt der Seestädte auf dem Land - bleibt auch das menschliche Meer dahinter noch so fragwürdig oder dunkel. Oft sind andere Städte bloße Gespenster besserer Vergangenheit; das hohle Berlin ist möglicherweise - es bleibt keine Wahl - das Gespenst einer besseren Zukunft."
So hatte er vier Jahre früher im erwähnten Aufsatz auch Ludwigshafen benannt, als "eine der ersten Seestädte auf dem Land, am Meer einer unstatischen Zukunft gelegen", Ludwigshafen - wie jetzt Berlin - als ein Ausdruck für die, wie Bloch gern sagte, "Bahnhofhaftigkeit" unseres modernen Lebens, für das "Nichtzuhause" im "Noch-Nicht".
Demgegenüber stellt sein philosophisches Werk die Utopie einer "Heimat, worin noch niemand war." Heimat ist am Schluß des Hauptwerks "Das Prinzip Hoffnung" - das unter schwierigen Bedingungen auf der Flucht vor den Nazis im Exil entstand - Stichwort für das grundlegende, weit von seiner Einlösung entfernte Bedürfnis nach Versöhnung von Individuum und Gesellschaft, nicht Ort der Ruhe in einer trügerischen Idylle, sondern der Erfüllung der Sehnsucht nach einer besseren Welt. "Dreams of a better Life" sollte "Das Prinzip Hoffnung" ursprünglich ja heißen, wobei die Träume keine nächtlichen, sondern Tagträume sind (auf diese Unterscheidung legte Bloch immer größten Wert), durchaus konkret und in den Sozialstaatutopien als durchaus nicht so beliebig und phantastisch belegbar, wie es behauptet wird. Bloch geht es darum, anzuregen, uns selbst aus den Horizonten des uns Möglichen, der uns aufgegebenen Zukunft zu finden, das Hoffen zu klären, mit dem wir immer schon nach vorne unterwegs sind.
Von daher dieser ungeheure, uns oft so erstaunende Optimismus. Mitten in der Wirtschaftskrise, mit Hitler vor der Tür, schreibt Bloch also von Berlin als Ort einer möglichen besseren Zukunft! Um ihn herum sah es anders aus. Wiederum Karolas Erinnerungen: "Abends kam es zu Überfällen der Braunhemden auf Genossen, es gab blutige Schlägereien... Wir luden hungrige Arbeitslose zu uns ein, halfen ihnen so gut wir konnten, obwohl einige von uns selbst arbeitslos waren und nicht wußten, wie sie die nächste Miete bezahlen sollten."
Am 27. Februar 1933, so berichtet sie, läutet es in der Frühe. Ein Freund warnt: Der Reichstag brennt! Karola bringt verdächtige Bücher in Sicherheit, zwei Koffer mit Manuskripten Blochs versteckt sie im Speicher. Die SA-Leute, die die Künstlerkolonie durchsuchen, finden nichts. Bloch gelingt die Flucht. Und es beginnt ein Exil, das viele Jahre dauern wird.
1949 zurückgekehrt, wird Ernst Bloch Professor für Philosophie an der Universität Leipzig. Schon bald gerät er in Konflikt mit der SED; im Winter 1956/57, im Zusammenhang mit dem Ungarn-Aufstand und Kritik vieler DDR-Intellektueller am Regime, schlägt die Partei massiv zu, auch Bloch ist betroffen, er wird zwangsemeritiert, erhält auch Veröffentlichungsverbot. 1961, beim Bau der Mauer, kehrt er von einer Reise nach Westdeutschland nicht mehr in die DDR zurück. Als Professor in Tübingen wird er berühmt, seine Ausgabe im Suhrkamp-Verlag macht ihn bekannt, zahlreiche Auszeichnungen folgen (1967 Friedenspreis des Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche, 1975 Ehrendoktor der Pariser Sorbonne und der Universität Tübingen u.v.a.). Bis zuletzt, über 90 Jahre alt, arbeitet Bloch an seinem philosophischen Werk. Am 4. August 1977 ist er gestorben.

 

Ernst Bloch

Ernst Bloch
Ernst Bloch 1963
Foto: Stefan Moses, München (Bloch-Archiv)
im Privatarchiv

geb. 8. 7. 1885 in Ludwigshafen
gest. 4. 8. 1977 in Tübingen

Philosoph

Kreuznacher Str. 52